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Russische Kunst
Objekte russischer Kunst spiegeln einerseits die gänzlich andere Lebens-, Alltags- und Festkultur Russlands wider, die nicht zuletzt den durch den russisch-orthodoxen Glauben geprägt wurde, andererseits die Verbindungen zu Westeuropa in regem kulturellem und künstlerischem Austausch. Der Herrschaftsraum des russischen Zarenreichs umfasste hierbei seit dem 18. Jh. auch zahlreiche heute selbständige Länder wie die Ukraine und Polen. Schwerpunkte unter den versteigerten Objekten russischer Kunst bilden Ikonen, Gemälde und Silberobjekte, außerdem Porzellane, Gläser und Objets vertu.
Nichts repräsentiert die russische, auch das Leben dominierende, von Traditionen bestimmte Glaubenswelt mehr als Ikonen, deren effektvolle Bildwirkung durch leuchtenden Goldgründe und Silberoklade gesteigert wurde. Trotz oft wiederkehrender Motive sind sie ein außerordentlich vielseitiges Sammelgebiet. Zu den frühesten Stücken zählt eine Ikone des 16. Jahrhunderts mit einer Anbetung der Hl. Drei Könige (Erlös 12.000 Euro). Ein Highlight unter den Ikonen des 18. Jahrhunderts war eine große Ikone mit "Mariä Verkündigung" (Erlös 17.500 Euro). Durch ihre imposante Größe (von 143 x 43 cm) und ihren großen Reichtum an Bildfeldern ragte eine um 1800 entstandene, in ihrer Schönheit und Seltenheit außergewöhnliche Jahres-Ikone heraus, deren circa 3000 Figuren in feiner Miniaturmalerei ausgeführt wurden und sich kontrastreich vom goldenen Hintergrund abhoben (Erlös 22.500 Euro). Um 1900 entstand eine Ikone "Gottesmutter Tichvinskaja", bei der die Darstellung nicht nur durch ein reliefplastisches, fein gearbeitetes, vergoldete Silberoklad bereichert wurde, sondern auch durch eine opulente Perlenverzierung (Erlös 7.500 Euro). In derselben Zeit wurde im Ikonenmaler-Zentrum Palech eine kleine Heiligen-Ikone mit außergewöhnlicher, geschweifte Spitzbogenform geschaffen (Erlös 14.000 Euro).
Obgleich die russische Kunst bis weit in das 19. Jahrhundert von Westeuropa geprägt war, schilderten die seit circa 1850 zunehmend russische Themen und Motive. Es bildete sich ein eigenständiger russischer Realismus heraus und 1870 wurde die bedeutende Künstlervereinigung der „Peredwischniki“ (Wanderer) gegründet, deren Hauptvertreter Ilya Repin (1844 – 1930) war. Beeinflusst durch die französische Plein air-Malerei, den Impressionismus, später den Postimpressionismus und den Fauvismus, führte der Weg zur russischen. Avantgarde. Exemplarisch für den russischen Realismus ist das 1887 entstandene Kabinettbild „Ein Koch“ von Vladimir Makovskij (1846 – 1920) mit seinen tiefgründigen. lebensnahen Charakterisierung der Figuren, das aus der Kunstsammlung Zar Alexander III. v. Russland für Internationalen Kunstausstellung in Berlin 1891 entliehen wurde (Erlös 156.000 Euro). Von seinem jüngeren Bruder Konstantin Makovskij (1839 – 1915) stammte die seltene Landschaftsimpression einer mit Blumen bewachsenen Mauer (Erlös 118.000 Euro). Mit Vorliebe poetische, nordwestrussische Winterlandschaften im Abendrot schuf hingen der baltisch-russische Maler Julius von Klever (1850 – 1924), der mit diesen auch auf Ausstellungen in Berlin, München und Paris erfolgreich war (Erlös 40.000 Euro). Eine Stimmungslandschaft mit einer vielfigurigen szenischen Darstellung verband der in St. Petersburg und München tätige Franz von Roubaud (1856 – 1928) bei seinem Gemälde „Bewaffnete Tscherkessen geleitet einen Volksstamm im tief verschneiten Kaukasus“ (Erlös 50.000 Euro). Nikolai Bogdanov-Belsky (1868 – 1945) studierte an der Moskauer Kunstschule und bei Ilya Repin in St. Petersburg, zu seinen schönsten Werken zählen seine einfühlsam geschilderten, heiteren Schilderungen des unbeschwerten Kindes wie bei seiner „Kindergruppe im Garten mit blühenden Apfelbäumen“ (Erlös 82.000 Euro).
Die Gold- und Silberschmiedekunst in Russland konzentrierte sich auf Moskau und später auf St. Petersburg. Noch aus der Epoche des Barocks stammte ein Moskauer Pokal mit drei bekrönten Brustbildnissen der russischen Kaiserin Elisabeth I. (1741-1761), entstanden um 1745 (Erlös 8.500 Euro). Im Laufe des 19. Jahrhunderts kam es zu einer künstlerischen, technischen und kunsthandwerklichen Blüte, deren Höhepunkt in der Regierungszeit von Zar Alexander III. und Nikolaus II. bis zur raffinierten Vollendung gesteigerte Silberobjekte stehen. Hierbei wurden in Stil und Dekor Empire-Elemente ebenso aufgegriffen wie alte russische Traditionen und Motive. Diese entsprachen sowohl dem Repräsentationsbedürfnis des Adels als auch des Großbürgertums. Ein seltenes russisches Teeset des Moskauer Meisters Egorov Alexander Sergewitsch von 1889 in Originalschatulle ragte durch fein ziselierte Stadtansichten heraus (Erlös 18.500 Euro). Altrussische Formen und Dekore griff ein um 1910 entstandener Kowsch der Firma Kurlyukov aus Moskau mit qualitätvoller Emailmalerei auf, dessen Darstellung einen Boyaren und eine Boyarina zeigten (Erlös 45.000 Euro). In St. Petersburg stellten Werkstätten wie die von Pawel Akimow Ovchinnikow meisterhafte Silberarbeiten her, bis heute berühmt ist der Goldschmied und Juwelier Peter Carl Fabergé. Seine Schmuckstücke und dekorativen Objekte gehörten zu den international besten Arbeiten ihrer Zeit. Noch in den kleinsten Dekorationselementen legte die Firma Fabergé größte Sorgfalt auf die künstlerischen und handwerklichen Ausführung Um 1910 entstand Fabergé-Zierschale aus rotem Überfangglas mit einer silbernen Kakadufigur (Erlös 16.000 Euro). Um 1908-1917 fertigte der Meister Julius A. Rappoport in der Werkstatt von Fabergé eine elegante Salonuhr mit Fabelwesen aus Silber auf einem Onyxsockel (Erlös 18.000 Euro).
Neben der Kaiserlichen Porzellanmanufaktur in St. Petersburg war die 1765/66 gegründete private Manufaktur Gardner in Moskau der bedeutendste Porzellanhersteller in Russland, deren qualitätvolle Figuren, Service und Zierobjekte auch vom Zarenhof geschätzt wurden. Für Kaiserin Katharina II. stellte Gardner mehrere Ordensservice her, exklusive Porzellane schmückten die Tafeln und Räume der kaiserlichen Paläste und des Hochadels. Um 1780 entstand bei Gardner ein nach Meissener Vorbildern ein historisch bedeutender und äußerst seltener Tempel aus einem Dessertaufsatz Zarin Katharina II. von Russland, deren allegorische Figuren die verschiedenen Regionen ihres riesigen Reiches personifizieren (Erlös 56.000 Euro). In der Zeit zwischen 1810 und 1830 wurden in der russischen Porzellankunst mit Stilelementen des Empire und Biedermeier geschaffen, die sich durch höchste künstlerische Qualität auszeichnen. Zu derartigen Objekten zählen auch der polychrome, minutiös gemalte Dekor der Porzellanmanufaktur Gardine wie auf einem Paar großer Empire-Bildeisvasen von 1820 mit prachtvollem Goldfond und idyllischen Szenen aus dem Familienleben (Erlös 29.000 Euro).
Die besten Objekte russischer Glaskunst entstanden entweder im Auftrag des Zarenhofes oder in der Kaiserlichen Glasmanufaktur in St. Petersburg. Um 1740-1760 gefertigt wurde ein bedeutender russischer Barock-Pokal für den exklusiven Katharinenorden, dem außer der Zarin (als Großmeisterin), nur Großfürstinnen bzw. Prinzessinnen von kaiserlichem Blut sowie weitere hochadeligen Damen angehörten (Erlös 5.000 Euro). Die Rezeption der Glasobjekte von Emile Gallé spiegelt eine um 1900 ausgeführte Kalebassenvase mit geschnittenem Mohndekor aus der Kaiserlichen Glasmanufaktur St. Petersburg wider, die solche Unikate als für den Hof und als diplomatische Geschenke an verwandte deutsche und europäische Fürstenhäuser herstellte (Erlös 9.500 Euro).


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